Kooperation mit UMF Noah (Fachstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge)/Ev. Stiftung Overdyck, Bochum
Maximal vier Wochen sind die Jungs* in der Fachstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge UMF Noah in Bochum, bevor sie in einer Wohngruppe oder einer anderen Einrichtung untergebracht werden. An diesem Ort der Erstaufnahme läuft das Praxisprojekt „Here I stand“, das sich u.a. mit dem wichtigsten Fortbewegungsmittel der Jungs* während ihrer Flucht beschäftigt: mit ihren Füßen.
Ein unzufriedener Gesichtsausdruck und eine Geste, die anzeigt, dass da noch was geändert werden muss: Ein junger Bewohner der UMF Noah ist gerade barfuß und mit geschlossenen Augen – geführt von Bildungsreferent Malte Jacobi der LAG Jungenarbeit – durch den Fühl-Parkour gelaufen. Seine Miene hellt sich auf, als Malte versteht: „Ach, du meinst, wir sollten mit etwas Weichem enden und das raue Holz zum Schluss gegen die Wolle austauschen. Gute Idee!“
Sprache ist hier eine Hürde, aber kein Hindernis: Die Jugendlichen in der UMF Noah kommen u.a. aus Syrien, Afghanistan, Guinea, Somalia, Marokko oder dem Irak, manche können etwas Englisch oder Französisch – aber vieles geht nur mit Händen und Füßen. Dass es um eben diese im Praxisprojekt geht, haben alle sofort verstanden.
„Wir bieten monatlich einen dreitägigen Workshop an, bei dem jeder Tag eine andere Überschrift hat – Kommen, Gehen, Stehen“, erklärt UMF-Gruppenleiter Kevin Schmidt das Konzept. Gruppenbetreuerin Louisa Lehmann ergänzt: „Wenn man manchmal in die Zimmer der Jungs* kommt und die Füße aus den Betten ragen, sieht man ihnen an, was sie für einen Weg hinter sich haben. Dieses Projekt bringt dem Weg und symbolisch den Füßen wichtige Wertschätzung entgegen.“
An Tag 1 geht es von einem rhythmischen Stampf-Warm-Up über den Fühl-Parkour hin zur Gestaltung eines Fußporträts mit Fingerfarben. Fotografin Katja Illner setzt zudem Füße und Jungs* fotografisch in Szene – wenn sie möchten. Alles an diesem Angebot ist freiwillig. „Für die Jungs ist es zunächst ganz neu, dass sie etwas machen dürfen, das nicht mit ihrem Aufenthaltsstatus verknüpft ist und keinen Auftrag für sie bereithält“, sagt Louisa Lehmann.
Tag 2 wandert thematisch eine Etage höher und beschäftigt sich mit Kleidung und Stimmung. Auf dem Plan steht das Einkleiden einer Schaufensterpuppe im Zusammenhang mit den Fragen: Was ziehen wir an, wenn es uns gut geht? Welche Klamotte erinnert mich an früher? In welchem Stoff fühlst du dich sicher und welches Kleidungsstück liegt dir besonders am Herzen? „Auf ihrer Flucht mussten die Jungs jede Eitelkeit ablegen, nun dürfen sie dieses Gefühl neu lernen und sich dabei fragen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen und eben auch was sie in den Kleiderschrank legen möchten, wenn sie richtig angekommen sind“, erklärt Malte Jacobi.
Richtig kreativ wird es noch mal an Workshop-Tag 3 – dann können die Jungs* ihre eigenen Schuhe gestalten. Sie bekommen weiße Stoff-Sneaker-Rohlinge und jede Menge Material, um sie zu colorieren, zu verzieren und so aus Konformität bunte Individualität zu machen. Erstaunlich ist die Lautstärke bei den Kreativangeboten in der UMF Noah, denn es ist nahezu still, während die Jungs* gestalten. „Klassisch würden wir in der Jungenarbeit davon sprechen, dass Jungs externalisieren, sich viel Raum nehmen, aber hier nehme ich das ganz anders wahr“, sagt Malte.
Im weiteren Verlauf des Projekts soll es noch mehr Angebote unter der Überschrift „Here I stand“ geben: Eventuell wird noch ein Body-Percussions-Workshop und ein theaterpädagogisches Angebot mit hineingenommen.
„Schön an diesem Projekt ist, dass die Jungs* damit eine sichtbare Spur bei uns hinterlassen können“, sagt Louisa. Kevin pflichtet bei: „Als Erstaufnahme müssen wir die Jungs häufig organisieren und es fühlt sich an, als seien wir eine Verteilstelle, darum finde ich es persönlich toll, die Jugendlichen mal ganz anders und auch etwas besser kennenlernen zu können.“
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