Jungenarbeiter*innen stellen sich vor / Michael Drogand-Strud

"Jungenarbeit ist in meinem Verständnis eine Haltung"“

 

5 Fragen an... Michael Drogand-Strud

 

Michael Drogand-Strud gehört zum Leitungsteam des Gendermagazins www.meinTestgelände.de, ist Präventionsfachkraft bei mannigfaltig Minden-Lübbecke gegen sexualisierte Gewalt an Jungen* und Mitglied im Vorstand der LAG Jungenarbeit NRW. Die Schwerpunktthemen in seinem Berufsalltag sind Geschlechterverhältnisse, Jungen*arbeit, Frauen* und Männer* in der Jungen*arbeit, Fachkräftequalifikation, Sexualisierte Gewalt an Jungen*, hegemoniale Männlichkeiten und intersektionelle Perspektiven. Er hat uns fünf Fragen zum Thema "Jungenarbeit" beantwortet...

 

 

1) Welche berufliche Station in deiner Laufbahn hat dich mit dem Thema Jungenarbeit verbunden?

Michael Drogand-Strud: "Ich habe in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit arbeitslosen Jugendlichen und Schulverweigerern gearbeitet; die Jugendarbeitslosigkeit war ein zentrales Aufgabenfeld von Jugendarbeit zu dieser Zeit. Es gab für diese Arbeit Konzepte allgemeiner Art und solche für Mädchen. Konzepte für Jungen galten als nicht notwendig, da ja schon das ,Allgemeine' für Jungs war. Das trifft genau das Verständnis dieser Zeit: Männlichkeit ist allgemeingültig – Weiblichkeit eine Sonderform. Daher gab es auch eine Frauenheilkunde, Frauenpolitik und Frauenfußball,… aber keine Männerheilkunde, keine Männerpolitik und keinen Männerfußball… da galt immer, dass Männlichkeit ja allgemeingültig war!
 

Ich habe damals verstanden, dass diese Sichtweise auf Geschlechterverhältnisse ihre Berechtigung daraus zog, Weiblichkeit überhaupt sichtbar zu machen – doch der Vielfalt unterschiedlicher Jungen konnte so nicht entsprochen werden. ,Jugendarbeit ist Jungenarbeit' – dieser Slogan war damals schon falsch und zugleich richtig – waren doch Mädchen und auch viele Jungen ausgeschlossen. Zwei Dinge wurden mir bewusst: Der männliche Hegemonialanspruch erniedrigte und diskriminierte Weiblichkeit und alles, was als weiblich galt – und viele Jungen entsprachen überhaupt nicht den Männlichkeitsanforderungen, die aber als Zuschreibungen auf ihnen lasteten. Für mein damaliges Arbeitsfeld bekam der Anspruch an Jungen, später Alleinverdiener oder zumindest ,Haupternährer' einer Hetrobeziehung bzw. Familie werden zu müssen, eine neue Bedeutung für ihre Auseinandersetzungen mit Arbeitslosigkeit und Schulverweigerung."

 

2) Welche konkrete Praxis aus deiner beruflichen Geschichte ist für dich ein Beispiel für gelingende Jungenarbeit?

Michael Drogand-Strud: "Ozan, Memo, Dennis, Robin, Sven, Mehdi, Bene, Adrian, Alexandros, Jon, H., A., Nev, Jeremy, Martian, Marlon, Michael, Quiran, Nils, Tillyoung, Yasin und noch so viele mehr Jungen* und junge Männer* sind Autoren* des Gendermagazins www.meinTestgelände.de. Sie alle setzen sich mit Männlichkeitsbildern auseinander, mit Zuschreibungen und Anforderungen, wie ,keine Gefühle zeigen', ,Stärke beweisen', ,nicht empathisch sein', ,keine Hilfe holen', ,cool, lässig und humorvoll sein'. Auf meinTestgelände habe ich so einen Jungen*, H., kennengelernt, der bislang mit dem Thema ,Geschlecht' nichts anfangen konnten, dieses eher für ,Mädchenkram' hielt. Gleichzeitig berichtete er davon, dass er bei der Berufsberatung und aus Sicht seiner Eltern einen technischen oder handwerklichen Beruf ergreifen sollte, obwohl er eigentlich andere Interessen zeigte. Das Beispiel eines jungen Trans*mannes, der von seinen Gewalterfahrungen berichtete und von seinen Bemühungen ein anerkanntes Leben als Mann zu führen, eröffnete H. neue Einsichten in die Anforderungen von Männlichkeit und in Hierarchie- und Gewaltverhältnisse von Männern gegenüber Frauen, aber auch zur Herstellung von Rangordnungen unter Männern.

 
Jungenarbeit ist in meinem Verständnis eine Haltung und fand in diesem Beispiel genau dann statt, wenn H. in seiner Jungengruppe Tagebuchtexte aus dem Alltag eines Trans*jungen las oder in einem begleiteten Workshop mit queeren Jungs* die Kehrseite von Mann-Sein erfahren konnte, zugleich aber auch Berichte aus seinem persönlichen Erleben von sog. ,Ehrenkulturen' geben konnte. H. erkannte, dass auch ihm Abwertungen, Zuschreibungen und Gewalt widerfahren und, dass dies etwas mit seiner Herkunft, seiner Religion und seinem Geschlecht zu tun hat. H. erkennt gemeinsame Strukturen von Rassismus und Sexismus und das Versprechen, eine Anerkennung durch die Abwertung von Weiblichkeit zu erlangen. In einem Poetry-Beitrag kann er auf dem Jugendkulturevant #gelände in Hagen genau diese Mechanismen aus seinem familiären Alltag beschreiben und auf die Bühne bringen. Dazu konnte der Rahmen der pädagogischen Jungenarbeit ihm die Sicherheit geben, sich angstfrei und akzeptiert im Kreise vieler junger Menschen bewegen zu können."

 

3) Was hast du bei deiner Arbeit von Jungen* gelernt?

Michael Drogand-Strud: "Jungen haben mir viele einfache Fragen gestellt. Besonders in der Prävention sexualisierter Gewalt habe ich etwa von 13-jährigen Jungen erfahren, dass hinter dem Bild des tendenziell Übergriffigen (,Wir wissen schon, dass wir keine Mädchen anmachen sollen') oft sehr verletzte Seelen stehen. Die Anspruchshaltung, ein ,starker' Junge sein zu müssen, der seine ,Ellenbogen einsetzen' kann und die Betonung sozialer Kompetenzen als zentral-wichtig gewordene Eigenschaft für einen Jungen heute – diese Doppelbotschaften erzählen mir die Jungen beiläufig und sind abwechselnd traurig, wenn sie scheitern oder wütend, wenn sie überfordert sind.

 
Jungen einer Förderklasse bekamen ein Arbeitsblatt, auf dem sie Schulhofszenen in drei Farben einkreisen sollten, je nachdem, ob die Situationen für sie ok, halb-und-halb oder nicht ok war. Für einige Jungen war die Aufgabe eine Überforderung und lag jenseits ihrer Aufmerksamkeit. Einer der Jungen, die die Aufgabe eher schnell erledigt hatten, wandte sich diesen Jungen zu und kümmerte sich fürsorglich darum, dass sie zumindest jeweils einen Teil der Aufgabe lösen konnten. Zusammen schafften sie so das gesamte Arbeitsblatt und der unterstützende Jungen kehrte zu seinem eigenen Arbeitsblatt zurück. Ich beobachtete die Szenerie und gewann eine Hochachtung und Bewunderung für diesen Jungen und auch für diejenigen, die sich animieren ließen, auf die Aufgabenstellung einzugehen."

 

4) Was möchtest du anderen pädagogischen Fachkräften mit auf den Weg geben, um sie speziell für die Arbeit mit Jungs* zu motivieren?

Michael Drogand-Strud: "Jungen* möchten mit ihrer Person ernst genommen werden. Sie sind einzigartige Menschen, jeder von ihnen und Fachkräfte sollten versuchen den Jungen zuzuhören und sie zu verstehen. Dazu dürfen sie nicht auf die Fassade der Jungen ,hereinfallen'. ,Coolness' bedeutet nicht zwangsläufig, das alles ok ist und ‚man’ den Dingen gelassen gegenübersteht. ,Nichts'“ als Antwort auf die Frage, was los ist, bedeutet vielleicht erst mal nur ;Darüber will oder kann ich jetzt und hier nicht mit dir sprechen'.

 

Die Fachkräfte benötigen eine hohe fachliche Kompetenz, egal was sie tun: als Lehrkraft, Trainer*in, Berater*in, Musiker*in, Tänzer*in oder Graffitikünstler*in. Die Jungen benötigen das Gefühl, dass sie wichtig sind, dass das, was mit ihnen getan wird, von Bedeutung ist und wir ihnen auf Augenhöhe begegnen.
Wenn Jungen diese Wertschätzung erfahren, können sie sich öffnen für eigene Gewaltwiderfahrnisse und diese auch zulassen. Hierin liegt auch die Grundlage für die Entwicklung einer eigenen Haltung in Richtung eines anerkennenden und (geschlechter-)gerechten  Lebenszieles. Jungen*, die Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalttaten erlebt haben, brauchen Zuwendung, Sicherheit und Schutz. Sie müssen dies spüren, um überhaupt in die Situation zu kommen eigene Verhaltensmuster zu reflektieren und ihre Wirkung auf andere zu erkennen.

 

Es ist nicht wichtig, welches Geschlecht der oder die Jungenarbeiter*in hat, aber ein Wissen um die männlichen Zuschreibungen, ein Gespür für die Beweggründe von Jungen*verhalten, eine feministische und zugewandte Haltung und eine Liebe gegenüber den Jungen sind Grundlagen für eine Jungen*arbeit."

 

5) Finanzielle und strukturelle Aspekte beiseite – wenn alles möglich wäre, was würdest du dir für dein Arbeitsfeld am dringendsten wünschen?

Michael Drogand-Strud: "Eine geschlechtergerechte Grundhaltung aller Akteur*innen in der Jugendarbeit – ach, in der Gesellschaft; diskriminierungsfreie Schutzzonen für alle, die diese benötigen; geschlechtergerechte Begegnungsräume und Experimentierfelder für jegliches Aussehen, alle Verhaltensweisen oder kulturellen Aktivitäten; wirkliche offensive Offenheit gegenüber geschlechtlichen, sozialen, herkunfts- oder glaubensbedingten Kindern und Jugendlichen aller Gesundheitslagen oder Klassenzugehörigkeiten. Und dazu: verantwortungsbewusste und eindeutig feministisch, antirassistisch, kurz menschenfreundlich agierende Fachkräfte, die als Kommunikationspartner*innen zur Verfügung stehen… und auch unbeaufsichtigte Räume, die jede Person betreten und verlassen kann, wie er oder sie mag."

 

 

Interview: Verena Waldhoff

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