Emanzipatorisch und intersektional?

Emanzipatorisch und intersektional?

Von Heinz-Jürgen Voß

 

In Workshops fragten Jugendliche wiederholt: "Warum wollen in Deutschland Mädchen mit Ausländern zusammen sein, obwohl sie was gegen Ausländer haben?", "Warum gibt es in Deutschland so wenig Respekt zwischen Männern und Frauen?", "Wie viele Kinder darf man in Deutschland haben?", "Warum darf man in Deutschland unter 18 keine Pornos schauen, aber mit 13 schwanger werden?".  Ein gerade nach Deutschland gekommener Jugendlicher/junger Mann hatte von der Offenheit in Deutschland gegenüber Schwulen gehört, sprach einen mehrheitsdeutschen jungen Mann, der ihm gefiel, an einer Haltestelle an – und wurde von ihm verprügelt… Fachkräfte stellten sich Fragen wie: "Inwiefern ist Sexuelle Bildung mit Menschen mit Fluchterfahrung herausfordernd und "anders" als Sexuelle Bildung mit jeder anderen Zielgruppe? Wie kann eine Sexuelle Bildung aussehen, die vom grundlegenden Menschenrecht auf Information und sexuelle Selbstbestimmung ausgeht?"

 
Inhalte Sexueller Bildung

 
Gelingende Sexuelle Bildung fußt auf jahrzehntelangen pädagogischen Erfahrungen, dass gutes Lernen ein Miteinander braucht. So ist man in der Pädagogik insgesamt von dem Konzept der "Erziehung" abgegangen, weil dies oft eher "Pauken" befördert, hingegen tatsächliches verstehendes Lernen, Verarbeiten und Diskutieren verhindert. Gleichzeitig waren und sind Konzepte der "Erziehung" sehr hierarchisch angelegt und begünstigen so auch (sexuellen) Missbrauch und Gewalt.
Bildung und Lernen ist auch für geschlechtliche und sexuelle Themen erforderlich: So benötigen Kinder ein Verständnis für ihren Körper, für angenehme und unangenehme Gefühle, sie brauchen Worte für Genitalien und um Grenzverletzungen und Übergriffe benennen zu können.
Übertritt ein Kind eine Grenze, ist es wichtig, dass es eine gute soziale Umgebung gibt, die auf die Grenzverletzung hinweist, so dass Kinder nach und nach Grenzen erlernen. Erst wenn Grenzverletzungen trotz Hinweisen weiterhin begangen werden, spricht man von Übergriffen. Darauf gilt es zu reagieren, Übergriffe zu sanktionieren und gleichzeitig, gerade bei Kindern und Jugendlichen, pädagogische Angebote anzuschließen.
In der Adoleszenz kommen weitere Herausforderungen hinzu. Körperliche Entwicklungen müssen verarbeitet, ein Umgang mit den gesellschaftlichen Normen gefunden werden. Diese Lernaufgaben betreffen alle Kinder und Jugendlichen – egal, ob sie schon länger in Deutschland sind oder erst seit kurzer Zeit hier leben.

 
Angebote müssen freiwillig sein

 
Neben den klassischen schulischen Angeboten, an denen alle Kinder und Jugendlichen teilnehmen müssen – und den wichtigen Aufklärungsprojekten der Antidiskriminierungsarbeit, die von Schulen eingeladen werden – ist für umfassendere Angebote Sexueller Bildung das Prinzip der Freiwilligkeit bedeutsam. Nur wenn Menschen ein Thema für sich freiwillig bearbeiten können, können sie davon auch sinnvoll profitieren. So fragten geflüchtete Jugendliche zuweilen – und zu Recht –, warum sie nun gerade dieses sexualpädagogische Angebot besuchen müssen, ob man denn denke, dass sie besonders übergriffig seien. Durch verpflichtende Angebote wird Widerstand bei denjenigen erzeugt, die eigentlich aufgeschlossen wären, sich mit Themen Sexueller Bildung zu befassen. Und (mehrheitsdeutsche) Jugendliche können sich benachteiligt fühlen, da sie an den Angeboten nicht teilnehmen dürfen.

 
Anerkennung von Heterogenität statt stereotype Zuschreibung

 
Besonders wirksam ist es, wenn Kinder oder Jugendliche miteinander selbst in Diskussion kommen – unter anderem zu Fragen an Geschlecht und sexuelle Orientierung. Nach ersten, gegebenenfalls etwas belustigten Aussagen kommt es dabei oft sehr rasch zu einer ernsthaften Diskussion, in der einzelne Teilnehmende sehr deutlich geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung einfordern und konkrete praktische Fragen klären. Es ist Grundprämisse in der Sexuellen Bildung, dass gerade diese Heterogenität in der Gruppe erwünscht ist und methodisch gut unterlegt wird – und lediglich einige wichtige Fragen von den Fachkräften eingebracht werden.
Im Kontext Flucht treten eigene Stereotype der Sexualpädagog*innen häufig in den Vordergrund. Über solche rassistischen Zuschreibungen in der Sexualpädagogik und der Sexualwissenschaft sei auf die Veröffentlichung "Sexualwissenschaft und rassistische Stereotype" verwiesen: www.linksnet.de/artikel/47539.
Durch Stereotype wird die positive Arbeit in Sexueller Bildung unmöglich. Entsprechend ist es eine wichtige Basis für Angebote Sexueller Bildung im Fluchtkontext, dass die – meist weißen – Sexualpädagog*innen eigene stereotype Vorstellungen hinterfragen, damit die Arbeit gelingen kann.

 
Gelingende Angebote Sexueller Bildung

 
Bisher finden sich in den oft sehr guten Angeboten zu Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeit, die sich mit Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung aufgrund der Klasse, Frauenfeindlichkeit/Sexismus, Trans*feindlichkeit, Homofeindlichkeit befassen, nur wenige oder keine Bezugspunkte zu Grundlagen Sexueller Bildung, wie Körperverständnis, physiologische und physische Vorgänge, psychische Fragen, sexuelle Gesundheit, sexuelle Abläufe und Praktiken, sexuelle, geschlechtliche und reproduktive Selbstbestimmung etc..
Hingegen haben Angebote Sexueller Bildung gerade Fragen von Betroffenheit durch Rassismus, Antisemitismus, Klasse gar nicht im Blick.
Das bedeutet, dass die Angebote Sexueller Bildung, oft nicht von den intersektionalen Angeboten der Antidiskriminierungs- und Antigewaltarbeit profitieren können, sondern gegebenenfalls sogar selbst Stereotype vermitteln.
Um das zu verändern, hat eine Arbeitsgruppe (Karoline Heyne, Ralf Pampel, Senami Zodehougan und Heinz-Jürgen Voß) für den Burgenlandkreis ein Konzept entwickelt, in dem beide Themen zusammengehen. Das interkulturelle und intersektionale Rahmenkonzept "Sexuelle Bildung in Einrichtungen" setzt an den Wissensbedarfen und der Bearbeitung von Stereotypen von Sexualpädagog*innen und weiteren Fachkräften an. Es berücksichtigt Erfahrungen aus der Sexuellen Bildung mit verschiedenen Zielgruppen. Und es entwickelt daraus Empfehlungen, wie eine gute Sexuelle Bildung, die auch Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung aufgrund der Klasse, Frauenfeindlichkeit/Sexismus, Trans*feindlichkeit und Homofeindlichkeit im Blick hat, umgesetzt werden kann.

 

info: Konzept für die emanzipatorische, intersektionale Arbeit

Ein neues Rahmenkonzept Sexueller Bildung soll Fragen klären und Unterstützung schaffen. Das Thema "Sexualität und Flucht" wird seit einigen Jahren immer wieder aufgeregt verhandelt. Dabei wird Menschen mit Flucht-erfahrung zuweilen unterstellt, besonders übergriffig, homo- oder transfeindlich zu sein. Von der Heterogenität der Auffassungen und Erfahrungen, wie wir sie in Angeboten zu Sexueller Bildung unter den Teilnehmenden stets erleben und für die Arbeit produktiv machen, wird im Hinblick auf diese Zielgruppe zuweilen abgesehen. Nun liegt mit "Sexuelle Bildung in Einrichtungen: Interkulturelles und intersektionales Rahmenkonzept" ein erstes gutes Konzept vor, das darauf zielt, die geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung zu fördern, und dabei interkulturell und intersektional ausgerichtet ist. Das heißt, dass bei dem sexualpädagogischen Konzept im Blick ist, dass die Teilnehmenden von Rassis-mus und Antisemitismus, von Diskriminierung und Gewalt aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung sowie der ökonomischen Situation (Klassenverhältnis) betroffen sein können.

https://heinzjuergenvoss.de/wp-content/up-loads/2019/02/Burgenlandkreis_2019_Rahmenkonzept_interkulturelle_intersektionale_sexuelle_Bildung.pdf

 

 

Diesen Text finden Sie auch in dieser Ausgabe von Junge*Junge: 01/2020 "Fokus: Fluchtspezifische Sexualpädagogik".

 
Dr. phil., Dipl. Biol. Heinz-Jürgen Voß ist Professor*in für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg und leitet dort mehrere Forschungsprojekte (u. a. die vom BMBF geförderten Projekte "Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung" und "Sexuelle Bildung für das Lehramt" [gem. mit Barbara Drinck, Universität Leipzig]). Forschungsschwerpunkte sind: Prävention von sexualisierter Gewalt, Förderung geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung, biologische und medizinische Theorien zu Geschlecht und Sexualität, Queer Theory und Kapitalismuskritik sowie Fragestellungen zu Intersektionalität.

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