Klima(un)gerechtigkeit, Rassismus, Gender - und die jungenarbeit?

Jahresfachtag 2022

2 Vorträge | Rückblick auf 6 Jahre Praxis | Projekte 2022 | Workshops

Die Klimakrise und die Zerstörung von Ökosystemen sind in sozialen Machtverhältnissen entstanden, welche die Ausbeutung ökologischer und sozialer Ressourcen legitimieren. Dominante Diskurse um Klimawandel und Klimaneutralität fokussieren einseitig technische Lösungen unter Beibehaltung der bisherigen Orientierung am Wirtschaftswachstum (in den Ländern des globalen Nordens). Somit werden soziale Machtverhältnisse und hiermit verbundene Ungleichheiten als Ursachen und Folgen der Krisen weitgehend ausgeblendet.

Am Vormittag unseres Fachtages 2022 sollen sie jedoch im Fokus stehen: Am Beispiel kolonial-rassistischer Kontinuitäten und von patriarchalen Geschlechterverhältnissen wird überlegt, welche strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen wir benötigen und welche Konsequenzen für die Soziale Arbeit mit geflüchteten Jungen* abzuleiten sind.

In einer ausgedehnten Mittagspause bieten wir Rückblick in 6 Jahre Praxis "Irgendwie Hier!" und Einblick in die Projekte 2022 mit dem Signal of Youth aus Witten, dem Werkhof Projekt aus Dortmund und dem Jugendwerk Köln.

Am Nachmittag besteht die Wahl aus vier Workshops. (siehe Tagesplan)

Wir freuen uns auf ihr Interesse und laden Sie herzlich zu angeregtem Austausch ein.

 

Tagesplan

10:00
Begrüßung aus dem Projekt „Irgendwie Hier!“ und seitens des Ministeriums für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration
10:30 Vortrag von Robel Afeworki Abay
Postkoloniale und intersektionale Analyse von Fluchtmigration und Klimaungerechtigkeit
11:15 Vortrag von Prof. Dr. Barbara Schramkowski
Gender Climate Gap: Zur Patriarchalität der Klimakrise und möglichen pädagogischen Antworten
12:00 Gemeinsame Diskussion zu den Vorträgen
12:30 Mittagpause inkl. Präsentation „6 Jahre Praxis mit Jungen* in der Migrationsgesellschaft“ und Vorstellung der Projekte 2022
14:30 Auswahl aus 4 Workshops
WS 1 - Der Internationale Mädchengarten
WS 2 - Medienpädagogisches Making
WS 3 - Urbane Naturerlebnispädagogik
WS 4 - Das Projekt Refugees for Future
16:00 Ende der Veranstaltung



Postkoloniale und intersektionale Analyse von Fluchtmigration und Klimaungerechtigkeit

Vortrag von Robel Afeworki Abay

Wenngleich in aktuellen hegemonialen Diskursen von ,menschengemachter Klimakrise‘ die Rede ist, sind nicht alle Menschen von der Klimakrise gleichermaßen betroffen und auch die Verantwortlichkeiten sind unterschiedlich verteilt. So ist anzunehmen, dass die sozial-ökologischen, politischen und ökonomischen Folgen der Klimakrise dazu beitragen, v.a. bereits bestehende postkoloniale Ungleichheitsstrukturen im globalen Süden zu verstärken. Die Verschärfung bestehender Ungleichheiten ist auf Faktoren wie einen fehlenden oder unzureichenden Zugang von subalternen Gruppen zu sozialen Absicherungssystemen zurückzuführen. Ebenfalls führt das Zusammenspiel von Klimawandel und damit zusammenhängenden Konflikten um knappe gesellschaftliche Ressourcen zu immer komplexeren Notlagen und einer Zunahme globaler Fluchtmigration. Mit Blick auf die Frage nach einer globalen Klimagerechtigkeit wird im Vortrag zuerst die Verzahnung von Klimakrise und post- und neokolonialer Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse erläutert. In Weiteren wird kritisch reflektiert, inwieweit sich koloniale Deutungsmuster und die damit zusammenhängenden machtvollen Praktiken diskursiver und institutioneller Differenzherstellung (Othering) in der Fluchtmigrationsforschung adäquat adressieren lassen, wenn subjektive Perspektiven der geflüchteten Menschen in Deutschland, ihre Erwartungen, intersektionalen Diskriminierungserfahrungen und vielfältigen Handlungspraktiken, nur selten Gegenstand solcher Forschungsprojekte sind.

 

 

Gender Climate Gap: Zur Patriarchalität der Klimakrise und möglichen pädagogischen Antworten

Vortrag von Prof. Dr.in Barbara Schramkowski

Einleitend werden Zusammenhänge der multiplen ökologischen Krisen (Klimakrise, Artensterben, Biodiversitätsverlust) mit strukturellen Geschlechterverhältnissen und hiermit verwobene Verteilungen von Care-Arbeit skizziert. So werden die Facetten des Gender Climate Gaps deutlich (bspw. Unterrepräsentanz von Frauen* in klimapolitischen Verhandlungen, stärke Betroffenheiten von Frauen* durch die Krisen) und auch, wie eng der Gender-Climate-Gap mit dem Gender-Care-Gap und weiteren Gender-Gaps verwoben ist. Dabei zeigt sich, wie stark die ökologischen Zerstörungen mit tradierten patriarchalen Formen von Männlichkeit und hiermit verwobenen Vorstellungen von unbegrenztem Wirtschaftswachstum und der ‚Normalität‘ der BeHERRschung sozialer und ökologischer Ressourcen zusammenhängen. Auch wird überlegt, welche Konsequenzen sich für die Soziale Arbeit ergeben, vor allem mit Blick auf (geflüchtete) Jungen* und wie eine Abkehr von patriarchalen Männlichkeitsbildern/-rollen hin zu feministischen Formen von Männlichkeit gelingen kann. Und warum eine feministische Welt für Menschen aller Geschlechter und unsere ökologische Mitwelt besser ist.

 

 

Workshop 1: Der Internationale Mädchengarten

mit Renate Janßen

Der internationale Mädchengarten wurde 2006 in Gelsenkirchen mit dem Ziel gegründet, Mädchen einen Naturraum zur eigenen Gestaltung zur Verfügung zu stellen. Es geht darum durch praktische Erfahrungen in der Natur ein Verständnis von nachhaltigem Handeln, auch in Klimafragen, zu entwickeln. Der Garten wurde als offizielles Projekt der Weltdekade der Vereinten Nationen „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ ausgezeichnet.

In diesem Workshop wird die Bildungsarbeit des internationalen Mädchengartens vorgestellt. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wollen wir der Frage nachgehen, welche Konzepte von Bildung für nachhaltige Entwicklung bestehen und wie sich diese auch in der Jungenarbeit umsetzen lassen.

Renate Janßen ist die Leiterin der Fachstelle Interkulturelle Mädchenarbeit/Lag Autonome Mädchenhäuser und Mitbegründerin des Internationalen Mädchengartens

 

 

Workshop 2: Medienpädagogisches Making

mit Florian Mortsiefer

3D Druck, Robotik, Programmieren, Werken und Basteln - nachhaltig und (nur) für Jungs? Als Kombination aus Handwerk und Technik ermöglicht das pädagogische Making im FabLab Kindern und Jugendlichen einen ersten Einstieg ins Tüfteln, Ausprobieren, Selbermachen und in den kreativen und konstruierenden Zugang zu Medien. Die verschiedenen Angebote schaffen Selbstwirksamkeitserfahrungen und fördern ein Bewusstsein für Umweltschutz und Nachhaltigkeit, vor allem in Bezug auf die Nutzung von Medien.

Auch wenn sich das Angebot an alle richtet, wird es zu einem großen Teil von Jungs genutzt – was können wir daraus lernen? In dem Workshop soll dieses Thema kritisch diskutiert werden. Neben vielen Praxiserfahrungen gibt es Tipps, wie ein eigenes niedrigschwelliges Making-Angebot Erfolg haben kann.

Florian Mortsiefer ist die Projektleitung des FabLab Mobil im jfc Medienzentrum e.V.

 

 

Workshop 3: Urbane Naturerlebnispädagogik

mit Marion Metzger

Der gemeinnützige Querwaldein e.V. Dortmund ist ein außerschulischer Lernort für urbane Naturerlebnispädagogik und eine durch das Land NRW zertifizierte Einrichtung für Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Ziele sind eine ganzheitliche Bildung und Kompetenzförderung in der Natur. Der Verein gestaltet vielfältige Bildungsreihen und Einzelprogramme für Schulen, Kitas, Familien sowie für die offene Kinder- und Jugendarbeit im Wald, im Garten und auf dem Bauernhof. Aktuell ist er insbesondere in Schulen in sogenannten Zuwanderungsstadtteilen aktiv.

Basierend auf einer Vorstellung des Vereins möchten wir im Workshop die Möglichkeiten der Naturerlebnispädagogik im Bereich der Jugend- und Jungenarbeit herausarbeiten und im Dialog mit den Teilnehmenden Erfahrungen und Ansatzpunkte austauschen und die Frage stellen, wie man Jugendliche, insbesondere aus sozial benachteiligten Stadtteilen mit Flucht- und Migrationshintergrund, mit Nachhaltigkeitsthemen erreichen kann.

Marion Metzger ist Geschäftsführung und Vorständin im Vereins Querwaldein e.V. Dortmund. Neben der konzeptionellen Arbeit ist sie naturpädagogische mit div. Gruppen draußen.

 

 

Workshop 4: Das Projekt Refugees for Future

mit Jamil Alyou

Im Rahmen des Projekts „Refugees for Future“ wurden junge Menschen im Jahr 2020/21 für die Themen Klimapolitik, umweltbewusstes Handeln und den Klimawandel sensibilisiert. Sie haben gelernt, welche Rolle das persönliche Handeln im Klima- und Umweltschutz spielt (z.B. im Bereich Konsum) und welche Auswirkungen der Klimawandel auf sie persönlich, auf die Umwelt und auf die globalen Entwicklungen hat. Hier ging es auch um den Zusammenhang von Klimawandel und Flucht. Sie wurden auch dazu befähigt, an der gesellschaftlichen Debatte und den politischen Diskussionen rund um den Klimawandel teilzunehmen und eine Rolle als Multiplikator*innen einzunehmen, um für Klima- und Umweltschutz zu werben.
Im Rahmen der Projektvorstellung werden wir der Frage nachgehen, wie Arbeit mit geflüchteten Jungen* zu diesen Themen gelingen kann und was die Besonderheit dabei ausmacht?

Jamil Alyou war Projektmanager von „Refugees for Future“ und ist Ansprechpartner für den Arbeitsbereich Kinder & Jugend beim Train of Hope Dortmund e.V.

Zielgruppe

Die Fachtagung ist für Fach- und Lehrkräfte aller Geschlechter ausgeschrieben.

Termin

2. Dezember 2022

Ort

Unperfekthaus
Friedrich-Ebert-Straße 18-22
45127 Essen

Teilnahmebeitrag

kostenfrei

Referent*innen

der Vorträge

Robel Afeworki Abay

forscht gemeinsam mit BIPoC mit Behinderungserfahrungen zu den komplexen Verflechtungen von Kolonialismus, Rassismus und Ableism am Zentrum der Inklusionsforschung (ZfIB) der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich und politisch-aktivistisch mit den Themen: Rassismus & Ableism; Diversity & Intersectionality; Fluchtmigrationsforschung; Gender, Queer and Disability Studies; Partizipative Forschung; Intersectional Black Studies; Postkoloniale Theorien & Dekoloniale Ansätze; Soziale- und Klimagerechtigkeit. Zudem ist Robel Co-Sprecher der Fachgruppe "Flucht, Migration, Rassismus- und Antisemitismuskritik (Migraas)" der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA).

Dr.in Barbara Schramkowski

ist Professorin für Grundlagen und Methoden Sozialer Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen und hier Leiterin des BA-Studiengangs 'Soziale Arbeit: Jugend-, Familien- und Sozialhilfe'. Ihre Schwerpunktthemen sind Rassismus(kritik), Geschlechtergerechtigkeit und Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen. Sie ist Sprecherin der Fachgruppe 'Sozialökologische Transformation und Klimagerechtigkeit in der Sozialen Arbeit' der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit und engagiert sich in der Klimagerechtigkeitsbewegung.