Jahresfachwoche 2021 "Geflüchtete Jungen* schützen"

5 Veranstaltungen: Diskussion "Wer schützt wen?", Filmvorführung "Wir sind jetzt hier", Praxis-Workshops, Input "Schutzkonzepte" und ein Vortrag von Prof. Dr. Paul Mecheril

 

Herzlich Willkommen am Ende des fünften Jahres im Projekt "Irgendwie Hier! Flucht – Migration – Männlichkeiten". Schon Zeit für ein Innehalten, einen Rückblick? Noch immer Visionen für die Zukunft, für einen Ausblick? Oder einfach ein Jahresabschluss, ein kurzer Einblick im Vorrübergehen? Fest steht, im Jahr 2021 ist viel passiert, wurde viel gemacht und viel gedacht.
Und wir sollten uns die Zeit nehmen, um darüber zu reden.

Somit findet unsere Jahresfachtagung 2021 eine Woche lang statt. 5 Veranstaltungen an 5 Vormittagen. Alles digital, unkompliziert vom eigenen Arbeitsplatz oder aus dem Heimbüro.
Sie wählen Ihre Zeit, Ihren Umfang, Ihren Fokus. 

 

 

Unsere Jahresfachwoche soll das Thema Schutz unter die Lupe nehmen. Am Montag stellen wir daher die Frage, die all dem zugrunde liegt: "Wer schützt hier wen wie vor was?" In diesem Rahmen wird es ausreichend Raum für eine hoffentlich kontroverse Diskussion geben. 

Am Dienstag erweitern wir unsere Optionen digitaler Bildung um eine gemeinsame Filmvorführung und wollen mit den Macher*innen von "Wir sind jetzt hier!" besprechen, welche Schutzbedarfe uns geflüchtete junge Männer* mitteilen. 

Am Mittwoch gibt es Einblicke in die Praxis unterschiedlicher Handlungsfelder der Arbeit mit geflüchteten Jungen*: "Welche Unterstützungen erhalten geflüchtete Jungen*? Was trägt zu ihrem Schutz bei und wo gibt es Defizite und Leerstellen?" In 3 alternativen Workshops gibt es die Gelegenheit näher miteinander in Kontakt zu kommen und Erfahrungen aus der eigenen Arbeit zu teilen. 

Am Donnerstag richten wir den Blick auf Institutionalisierten Schutz. Wir stellen die Frage nach den Schutzkonzepten in pädagogischen Einrichtungen und bieten Handlungsempfehlungen für strukturell abgesicherten Schutz von geflüchteten Jungen*. 

Der Freitag rundet die Woche mit einem Vortrag von Prof. Dr. Paul Mecheril und Julian Ibrahim Jusuf ab, in welchem diese sich zum Stand der Dinge im Jahr 2021 zu Flüchtlingskrise, ihren (jungen) Männern und der Sozialarbeit verhalten. Meinungen, Haltungen und Perspektiven sind ausdrücklich erwünscht! 

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und eine gemeinsame Woche mit Blicken auf gestern, jetzt und morgen. 

 

 

Weitergehende Informationen zu den Veranstaltungen:

 

 

Impuls "Schutz – Wer schützt hier wen wie vor was?" (Ingvar Hornung)

Das Thema "Schutz" ist mittlerweile fest in der Jugendhilfe installiert und wird immer wieder auf neue Situationen angepasst. Nach dem "Sommer der Migration" 2015 wurde immer intensiver darauf hingewiesen, dass es weiterführender Auseinandersetzungen mit dem Schutzbegriff bedarf. Junge Geflüchtete und vor allem unbegleitete Minderjährige sind in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen höchst schutzbedürftig. Und setzt man hier noch einen geschlechterdifferenzierten Blick ein, dann wird klar, dass Jungen* und junge männliche Geflüchtete tiefergreifende Schutzbedarfe haben. Ob diese aber entsprechend wahrgenommen oder entsprechend formuliert werden, bleibt oftmals unklar und dies ist kritisch zu betrachten. Denn klar ist, dass man den Begriff "Schutz" nicht einmalig formulieren und ihn dann vielfältig anwenden kann.

Die Fragen "Wer braucht welchen Schutz?", "Wer schützt wen vor was?", "Wer bestimmt, wer vor was zu schützen ist?" usw. sind nur einige von vielen weiteren. Für die Entwicklung einer fachlich-professionellen Haltung und einer solidarischen Professionalität gilt es ebenso auf partizipative Einbindungsmöglichkeiten der Adressaten* zu setzen. Selbiger Ansatz muss für die Binnendifferenzierung von männlichen Bedarfen bei Geflüchteten gesichert sein. Für die Bestimmung, welche Form von Schutz in welchem Maße notwendig ist, bedarf es Partizipation auf allen Ebenen, Empowerment-Momente und -Räume sowie Zeit für permanente Reflexions- und Feedbackmöglichkeiten.

Das Diskussionsforum besteht aus eingeladenen Personen aus den Bereichen der Beratung (LSBTIQ*) und stationären Jugendhilfe sowie dem (Fach-)Publikum. Im gemeinsamen Austausch soll Raum für das Sammeln weiterer Fragen, Kritik, Verständigung und für Ideen-Entwicklung sein.

Ingvar Hornung ist Vorstandsmitglied der LAG Jungenarbeit NRW.

 

 

Filmvorführung "Wir sind jetzt hier"
und anschl. Gespräch mit Beteiligten (Niklas Schenck)

"Wir sind jetzt hier" ist ein Film von Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck über das Ankommen in Deutschland. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat dieses Projekt gefördert und schreibt auf ihrer Webseite über den Film:

"Als 2015 mehr als 800.000 Geflüchtete nach Deutschland kamen, waren sie die Angstgegner aller Integrationsskeptiker_innen: Junge Männer, die allein aus Syrien oder Afghanistan, aus Somalia, Eritrea oder dem Irak nach Deutschland kamen. Sie wurden zur Projektionsfläche genauso für ernsthafte Sorgen wie für plumpen Rassismus.

Zugleich wurde viel häufiger über sie gesprochen als mit ihnen – und da setzt dieser Film an. Sieben junge Männer erzählen in die Kamera vom Ankommen in Deutschland – von lustigen und beglückenden Momenten und von Momenten tiefster Verzweiflung, von ihren Ängsten und wie sie mit ihnen umgegangen sind, von Rassismus und von der Liebe. Ihre Geschichten lassen die Zuschauer_innen teilhaben an den emotionalen Turbulenzen, die eine Flucht fast immer nach sich zieht und sie erzählen viel darüber, was es auch in den nächsten Jahren noch braucht, damit Integration gelingt."

Hier geht's zum Trailer...

Niklas Schenck ist ein mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilmer. Mit seiner Frau Ronja von Wurmb-Seibel lebte er 2014 für ein Jahr in Kabul, daraus entstand ihr gemeinsamer Kino-Dokumentarfilm "True Warriors" (2017). Im vergangenen Jahr erschien ihr zweiter Film "Wir sind jetzt hier".

 

 

Workshop "Die Vergangenheit habe ich in eine Kiste gesperrt" Männliche junge Geflüchtete im Psychosozialen Traumazentrum Ahlen
(Razwan Kahn und Angelika Dittmann, PTZ Ahlen)

 

Kinder und Jugendliche, die nach Deutschland flüchten, sind in der Mehrzahl männlich. Doch nicht nur dieser Umstand macht es notwendig, eine traumasensible Arbeit geschlechterspezifisch auszurichten. Geflüchtete junge Männer sind in besonderem Maße schutzbedürftig. Sie erleben Verletzungen, die konkret mit ihrem Geschlecht zu tun haben. Sie greifen auf die Bewältigungsstrategien zurück, die ihnen als Männer nahegelegt werden. Sie sind gewissermaßen doppelt gefordert: Sie müssen erwachsen werden und die an sie angelegten Zuwanderungsanforderungen bewältigen, beides vor dem Hintergrund der geschlechtlichen Sozialisation und ihrer Fluchterfahrung. 

Im Workshop werden wir einige Punkte davon beleuchten, über die Arbeit des Psychosozialen Traumazentrums der Innosozial gGmbH berichten und in den Austausch zum Thema "Geschlechtersensible Traumapädagogik" kommen.  

Workshopdurchführende: M.A. Psychologe Razwan Kahn und Dipl.-Psychologin Angelika Dittmann.

 

 

Workshop "Ich erlebe dich traurig" Arbeit mit geflüchteten Jungen*, die Gewalt erlebt haben (Alex Sott, Bremer Jungenbüro)

 

Das Bremer JungenBüro ist eine Beratungsstelle für Jungen* und junge Männer, denen sexuelle, körperliche oder seelische Gewalt angetan wurde. Seit 2016 unterstützt die Beratungsstelle in diesem Rahmen zahlreiche Jungen* und junge Männer* mit Fluchterfahrungen, mit dem Ziel sie psychosozial zu stabilisieren.  

In dem Workshop soll es darum gehen, die Erfahrungen aus dieser Arbeit vorzustellen und gemeinsam die folgenden Fragestellungen zu diskutieren: 

  • Wie erleben und verarbeiten geflüchtete Jungen* und junge Männer* Gewalt? 
  • Was sind wichtige Stabilitäts- und Sicherheitsfaktoren? 
  • Was mach die Qualität des geschlechtsreflexiven Konzepts in diesem Arbeitsfeld aus? 
  • Was erleichtert und was erschwert diese Form der Jungen*arbeit? 

Workshopdurchführender: Alex Sott (Jg. 1971) arbeitet seit 2010 im Bremer JungenBüro. Er ist Sozialpädagoge, Systemischer Berater und gibt Fortbildungen im zu "Psychodynamisch Imaginativer Trauma-Therapie" nach Luise Reddemann.

 

 

Workshop "Die anderen kommen immer vor mir dran" Geflüchtete junge Männer* als schutzbedürftige Personen? (Monique Kaulertz, Beschwerde- und Informationsstelle Flucht, UBIF, Bochum)

 

Geflüchtete Männer* werden in gesellschaftlichen Diskursen vor allem seit der Kölner Silvesternacht oftmals negativ dargestellt. In der staatlichen Hierarchie des Flüchtlingsschutzes stehen sie hintenan. Aber welche Schutzbedarfe gibt es eigentlich in der "Personengruppe" und wie kann man dabei einen Begriff des Schutzes jenseits der in der EU-Aufnahmerichtlinie verankerten "besonderen Schutzbedürftigkeit" sehen? Nicht zuletzt stehen die Fragen im Raum, wer welchen Schutzbedarf verbalisieren kann, tatsächlich verbalisiert, für relevant erklärt und wer für wen spricht.

In diesem Workshop widmen wir uns diesen und angrenzenden Fragen und beleuchten das Thema aus den Erfahrungen und der Perspektive einer Beschwerdestelle für geflüchtete Menschen.

Workshopdurchführende: Monique Kaulertz.

 

 

Impuls "Voraussetzung für die Entwicklung, Umsetzung & Verankerung von Schutzkonzepten in der Arbeit mit jungen männlichen Geflüchteten"
(Olaf Jantz)

Kinder und Jugendliche vor Gefahren zu schützen und ihren Anspruch auf physisches und psychisches Wohl und eine gewaltfreie Erziehung sicherzustellen, ist eine zentrale und komplexe Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. Im Kontext von jungen männlichen* Geflüchteten nach ihrer Ankunft kommen zudem einige weitere Aspekte hinzu, die einen (selbst-)kritischen, aber wertvollen Prozess abverlangen.

Inwiefern können oder müssen sich Einrichtungen und deren Fachkräfte auf die besonderen Schutzbedürfnisse einstellen, wenn sie dem Vorhaben nachkommen möchten, dies in ein fixes Schutzkonzept einfließen zu lassen? Hierbei kommt es zunächst einmal darauf an, von welchem Startpunkt man aus beginnt. Ob eventuell ein bereits existierendes Schutzkonzept lediglich um die Perspektive Flucht und Geschlecht (Männlichkeitsperspektiven) erweitert werden muss, oder ob es nun erstmalig an der Zeit ist, neben der kinderschutzbeauftragen Person (nach 8a SGB VIII) ein umfassendes Schutzkonzept für die eigene Einrichtung/den eigenen Träger zu entwickeln und fest zu installieren. Hierbei gibt es einige Aufgaben und nahezu auch Fallstricke, die auf der strukturellen und individuell-fachlichen Ebene angegangen werden müssen.

In einem Impuls und parallel laufenden Diskussions- und Austauschrunden werden wir genau auf diese Besonderheiten in der Konzipierung, Umsetzung und nachhaltigen Verankerung von Schutzkonzepten blicken, die in der Arbeit mit Jungen* und jungen Männern* mit Fluchterfahrungen eine Herausforderung darstellen.

Olaf Jantz ist Diplom Pädagoge; Jungenbildungsreferent und Geschäftsführer bei mannigfaltig e.V. – Institut für Jungen und Männerarbeit Hannover. Seine Schwerpunkte: Transkulturelle Jungen*arbeit, Geschlechterbewusste Pädagogik im Umfeld von Armut, Flucht und Migrationsgeschichten, Intersektionalität in Geschlechterverhältnissen

 

 

Vortrag "Die Flüchtlingskrise, ihre (jungen) Männer und die Sozialarbeit. Postkolonial inspirierte Überlegungen"
(Prof. Dr. Paul Mecheril und Julian Ibrahim Jusuf)

Der Vortrag wirft zunächst ein Schlaglicht auf die aktuelle Situation junger männlicher* Geflüchteter in Deutschland und zeichnet deren Bedeutung als Adressat*innengruppe der Kinder- und Jugendarbeit nach. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten über Geflüchtete seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 wird die Beziehung zwischen Geschlecht und Migration aus postkolonialer Perspektive in den Blick genommen. Im Anschluss an kritische Männlichkeitsforschungen wird die Frage in den Vordergrund gerückt, in welchem Verhältnis die öffentliche Problemwahrnehmung junger männlicher* Geflüchteter zur Figur devianter Jugendlichkeit steht, die oftmals die Grundlage dafür bildet, dass Sozialarbeit überhaupt pädagogisch tätig wird und werden kann.

Julian Ibrahim Jusuf war als staatlich anerkannter Sozialarbeiter in der stationären Jugendhilfe mit jungen Geflüchteten tätig. Derzeit promoviert er im Fachbereich Pädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er ist Mitglied des Graduiertenkollegs "Vernachlässigte Themen der Flüchtlingsforschung" und wird durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert.   

Dr. Paul Mecheril ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Migration an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Forschungsschwerpunkte: Pädagogische Professionalität; migrationsgesellschaftliche Zugehörigkeitsordnungen und Bildung; Rassismusforschung.  

 

 

Zielgruppe

Die Fachtagung ist für Fach- und Lehrkräfte aller Geschlechter ausgeschrieben.

Termin

25.-29. Oktober 2021
jeweils 10:00-12:30 Uhr

Ort

online via Zoom

Teilnahmebeitrag

kostenfrei

Dokumentation der Jahresfachtagung 2020

Dokumentation der Jahresfachtagung 2019

Dokumentation der Jahresfachtagung 2018

Dokumentation der Jahresfachtagung 2017

Fotoimpressionen der jahresfachtagung 2017

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